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Das Studium mit Coaching beginnen? Ein Erfahrungstag an der HSG

Aktualisiert: 10. Okt. 2023


Mich quälen

Sorgen muss

ich mir keine

mehr machen.


So heisst es auf einem Plakat direkt vor dem Haupteingang zur HSG, eine der führenden Wirtschaftsuniversitäten Europas.


«Muss ich mir wirklich keine Sorgen machen?»


Gründe gäbe es genug: Um Studentinnen und Studenten, um Professorinnen und Professoren, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um den Stand von Wissen in Zeiten der Unbildung (Konrad Paul Liessmann), um unsere Welt und so weiter und so fort. Wer Sorgen hat, dem verspricht die HSG umgehend Hilfe – «unabhängig, vertraulich, sachgerecht», wie es unter Verweis auf Beratungsstellen auf der Affiche geschrieben steht.


ERSTE GROSSE HÜRDE


An diesem sonnigen Herbstmorgen unterstütze ich als externer Coach die Leiterin des Coaching-Programms und Lehrbeauftragte an der HSG, Dr. Nilima Chowdhury, bei den Bewerbungsgesprächen von Studierenden im sogenannten Assessment-Jahr, dem ersten Studienjahr des Bachelor-Studiums. Dieses gilt an der Uni St. Gallen – vom Spiegel einst als «kühle Kaderschmiede für Karrieristen» bezeichnet – als erste grosse Hürde: Die Durchfallquote ist hoch, zwischen 35 und 40 Prozent beenden ihre angestrebte Laufbahn an der Universität St. Gallen vorzeitig.


Vieles ist in letzter Zeit über die HSG geschrieben worden, leider häufig nicht sonderlich Positives. Ich will diese Beiträge über Spesenexzesse, Plagiatsvorwürfe oder Machtmissbrauch an meiner Alma Mater hier nicht kommentieren. Viel lieber behalte ich mir die eigenen Erinnerungen an meine Zeit an der HSG im Herzen, als humanistisch gebildete Gelehrte wie beispielsweise der Politikwissenschafter Alois Riklin, der Slawist und Übersetzer Felix Philipp Ingold oder der Soziologe Peter Gross zum guten Ruf dieser Bildungsinstitution beigetragen haben. Drei Jahrzehnte sind es her. Waren es zu meiner Zeit vielleicht etwa 3’500 Studenten vorwiegend aus der Schweiz und Deutschland, sind es heute fast 10’000 aus knapp 90 Nationen.


WACHSENDE HERAUSFORDERUNGEN


Die Herausforderungen für Studentinnen und Studenten sind in den letzten Jahrzehnten nicht weniger geworden. Nebst der rasanten Digitalisierung und der fortschreitenden Informationstechnologie ist beispielsweise die Anonymität massiv gestiegen. Auch an das Phänomen der Massen müssen sich eher scheue und introvertierte Menschen an der HSG erst einmal gewöhnen: Im Square (dem Neubau) kam’s mir vor wie in einer Hotelhalle, wo sich Leute scheinbar bezuglos tummeln. Und noch nie zuvor waren Studentinnen und Studenten dem «Informations-Angebotsstress» aller möglichen Ausbildungslehrgänge ausgesetzt wie heute. Schliesslich will jedes Institut, nicht nur das für Betriebswirtschaft, in irgendeinem Ranking ganz oben stehen. Möglichst weltweit.


Zurück zu den Bewerbungsgesprächen: An diesem Tag sprechen zehn Studenten vor, alle in der Hoffnung, am freiwilligen Coaching-Programm teilnehmen zu dürfen, das den Ausgewählten gemäss Broschüre «einen Raum für die persönliche Weiterentwicklung bietet». Die Mehrheit der Jungs tritt selbstbewusst auf, eine Minderheit eher zurückhaltend. Die meisten sind offen, einige äussern sich lediglich auf genaueres Nachfragen. Scheu ist der Blick des einen, eher keck der eines anderen. Während ein Bewerber seine Worte sorgsam abwägt und leise spricht, ist der andere dermassen beredsam, als hätte er bereits einen M.A. in Rhetorik. Nebst aktivem Zuhören versuche ich, in Gestik und Mimik der Bewerber zu lesen, was sie bewegen mag, an der HSG zu studieren und erst noch dieses Coaching-Programm zu absolvieren.


SELBSTOPTIMIERUNG ODER SELBSTVERTRAUEN?


Die Lebensläufe der Bewerber bin ich vorgängig durchgegangen. Auch ihre Antworten auf Fragen wie beispielsweise die nach den prägendsten Erfahrungen in ihrem Leben habe ich mit Neugierde gelesen. Von Interesse waren beispielsweise die Antworten auf die Frage nach den Vorbildern, wobei hier die Palette vom Grossvater über den Spitzensportler bis hin zum Schauspieler reichte.


Auf die Frage «in welchen Bereichen der persönlichen Entwicklung wünschen Sie sich Unterstützung?» gab es ein Wort, das mich stutzen liess. In fast allen Antworten (sie waren zum Ankreuzen vorgegeben) fand sich das Wort «Selbst», und zwar in den unterschiedlichsten Kombinationen: Selbständigkeit, Selbstbild, Selbstorganisation, Selbstbewusstsein, Selbsterkundung, Selbstwert, Selbstvertrauen.


Gewiss, das Studium an der HSG bringt viele Herausforderungen mit sich: stressige Lern- und Prüfungssituationen, Blockaden beim Studieren, zwischenmenschliche Konflikte, Hürden in der Teamarbeit, Balance zwischen Studium und Freizeit, nötige Kommunikationsfähigkeit usw. usf. Bei diesen Aufgaben kann ein oder eine Coach*In zweifellos seine Unterstützung anbieten, auch aufgrund eigener Erfahrungen.


WERTE UND LEBENSENTWURF


Wichtiger allerdings scheint es mir, Studentinnen und Studenten auf ihrem neuen Lebensweg ein Stück weit in ihrem Menschsein zu unterstützen. Sie in dieser Zeit des Suchens und der persönlichen Orientierung behutsam zu begleiten beim Umgang mit Werten und Fragen rund um die eigene Identität, um den Lebensentwurf beispielsweise oder die Frage, wie man eigentlich leben möchte.


Allgemeingültige Methoden gibt es dafür nicht. Es geht einzig und allein darum, dass der oder die Coach*In durch waches Dasein dem Gegenüber Empathie und Wertschätzung entgegenbringt. Im besten Fall gelingt es einem oder einer Coach*In, den Coachee im Dialog dazu motivieren, an den Ort zu gelangen, der ihm oder ihr schicksalhaft zugeteilt ist, oder wie Martin Buber einmal geschrieben hat, dort, wo sich «die wesentliche Aufgabe und die Erfüllung des Daseins» für jeden von uns zeigt, Tag um Tag.


Ein lebensdienlicher Umgang mit Sorgen kann uns Möglichkeiten zum Verständnis von uns selbst und der Umwelt eröffnen. – In diesem Sinne freue ich mich als externer Coach auf die Zusammenarbeit mit einem Studierenden der HSG!



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