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Was hat Fotografie mit Coaching zu tun?



Manch eine Leserin oder ein Leser dieses Blogs mag sich fragen, was Coaching mit Fotografie zu tun hat. Vielleicht zu Recht. Für mich gibt es viele Gründe, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und fachfremde Gebiete zu entdecken. Häufig dienen sie mir als Inspiration für meine Arbeit als Coach.


Jüngstes Beispiel: Vor kurzem besuchte ich eine Ausstellung der renommierten Fotoagentur Magnum. Zu sehen waren einige der legendärsten Aufnahmen der letzten siebzig Jahren – mit Fotografien von internationalen Grössen dieser Branche, wie beispielsweise Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Inge Morath, Martin Parr oder Steve McCurry. Im Zentrum dieser Ausstellung standen für einmal nicht die ikonischen Bilder, also jene, die «man» allgemein aus Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern kennt, sondern die sogenannten «Contact sheets».


DIE EINE AUSWAHL


«Contact sheets», auf Deutsch Kontaktabzüge, dienen der Fotografin oder dem Fotografen unter anderem zu einer ersten Auswahl von (analogen) Fotos im Labor und zur Qualitätsbeurteilung. Sie sind gleichzeitig eine wertvolle Dokumentation über das Denken und Fühlen des Fotografen, denn: Aus einer – je nach Filmrolle – gegebenen Anzahl an Bildern wählt der oder die Fotograf*in genau eine Aufnahme auf, die er oder sie als die ausdruckstärkste für eine Publikation einschätzt. Und die dann im besten Fall als Kultbild um die Welt geht.


Um bei einem Beispiel (siehe oben) zu bleiben: Anlässlich des Parteitags der britischen Tories in Blackpool 1981 schoss der leider viel zu früh verstorbene Fotograf Peter Marlow mindestens 42 Bilder der Parteivorsitzenden und damaligen Premierministerin Margaret Thatcher. Nach der Prüfung des Kontaktabzuges entschied sich Marlow für ein Porträt, das er zur Publikation freigab. --- Und nur dieses eine Porträt gilt heute als Ikone, obwohl es auch andere hätten sein können: Aufnahmen mit einer lächelnden, einer nachdenklichen, einer grimmigen, einer selbstkritischen oder gar einer spöttischen Margret Thatcher. Doch Marlow entschied sich für das Gesicht einer selbstbewussten, staatsmännischen, Visionen andeutenden und Vertrauen ausstrahlenden Premierministerin. 


IMPULSE


Der Prozess der Auswahl eines Porträts aus der Welt der Fotografie gibt mir als Coach zahlreiche Impulse für meine Beratertätigkeit:


  • Welches Bild mache ich mir von einem/r Klient*in, der oder die zum ersten Mal meinen Praxisraum betritt?

  • Bin ich mir bewusst, dass dieser erste Eindruck nur einer von vielen ist, oder nagle ich mich unbewusst daran fest?

  • Bin ich genügend flexibel, um mich von einem Bild gleich wieder zu lösen und den/die Klient*in stets in einem anderen Licht zu sehen?

  • Bin ich offen genug, das Potential meines Gegenübers zu erkennen und zu sehen, wie er oder sie sein könnte?

  • Erkenne ich an, dass das «Porträt» eines Menschen sich von Sekunde zu Sekunde ändern kann, je nach Stimmungen und Befindlichkeiten?                            

Beim Besuch dieser Fotoausstellung ist mir erneut klar geworden, wie wichtig es ist, mit neuen Blicken im Alltag die gängigen Methoden-Falle zu umgehen: Vielleicht sind Impulse aus anderen Lebensbereichen für einen Coach wichtiger und zieldienlicher als der Rückgriff auf die üblichen «Tools zu einem erfolgreichen Coaching». Die Psychologie eines (Mit-)Menschen lesen zu können bedeutet immer wieder, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Die Wahrnehmung eines/r Klient*in ist sehr subjektiv und zeitabhängig; das muss man sich besonders als Coach und Berater immer wieder vor Augen führen. 

  

DER ENTSCHEIDENDE AUGENBLICK


Übrigens: Noch ein anderer Begriff aus der Geschichte der Fotografie könnte für das Coaching interessant sein: Der «entscheidende Augenblick» des Franzosen Cartier-Bresson (1908-2004). Der grosse Fotograf meinte damit den Sekundenbruchteil, in dem der Fotograf auf den Auslöser drückt und in diesem Augenblick den Kern einer Szene einfängt. 

 

Aufs Coaching übertragen könnte das bedeuten, dass es in einem Gespräch einen Moment gibt, eben den decisive moment, wo der scharfe Beobachter aus der Beiläufigkeit eines Gesprächs etwas besonders Entscheidendes, etwas Essentielles, erkennt. Das kann die Gestik oder Mimik eines Klienten sein, oder auch ein Wort oder ein Gedanke, das ihm oder ihr plötzlich in den Sinn kommt.


Gut vorbereitet, stets neugierig, wachsam und (im besten Fall) wertschätzend ist der Fotograf aus der Schule der humanistischen Fotografie, damit er diesen entscheidenden Moment erkennt. Und so soll es auch der Coach oder die Coachin sein. Er oder sie nimmt instinktiv wahr, wann der Moment gekommen ist, wo sich das Problemwälzen einer Klientin oder eines Klienten in die Lösungsfokussierung umwandelt. Oder wenn Selbstverantwortung Überhand über die Opferrolle gewinnt. Oder ein Klagen --- vielleicht ganz und gar unerwartet --- in einen Heilungsprozess mündet.


«Man muss sich seinem Gegenstand [… ] auf Samtpfötchen, aber mit Argusaugen nahen. Nur kein Geschiebe und Gedränge – wer angeln will, darf das Wasser nicht trüben.» So beschrieb Cartier-Bresson seine Vorgehensweise beim Fotografieren. Nicht viel anders ist es beim Coaching, wo erst mit Wachsamkeit und Geduld der «entscheidende Augenblick» empfangen werden kann.

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