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Vom Denken zum Dasein: was bleibt

Collage aus Porträts von Jürgen Habermas und Alexander Kluge © DIE ZEIT
Collage aus Porträts von Jürgen Habermas und Alexander Kluge © DIE ZEIT

«Was wirkt?» ist eine der grossen Fragen der Psychotherapie. Dabei geht es um die zentralen Faktoren, die eine Therapie wirksam machen sollen. Über die Antworten herrscht aufgrund der verschiedenen Schulen und Lehrmeinungen – wen erstaunt es – Uneinigkeit. 


Wir alle kennen diese grundlegenden Fragen, die uns mal mehr, mal weniger umtreiben.


«Was zählt?» ist eine andere solche Frage. Auch hier ist die Antwort individuell: Für die einen ist es ein gutbezahlter Job, für die anderen, den Mut zu haben, das eigene Leben zu leben. Zu beurteilen, was richtig und falsch ist, steht keinem Aussenstehenden zu. Jeder Mensch entscheidet für sich selbst.  

  

Dem polnisch-amerikanischen Rabbiner und Religionsphilosophen Abraham Joshua Heschel wird das folgende Zitat zugeschrieben: «Wir sind Gott näher, wenn wir Fragen stellen, als wenn wir meinen, die Antworten zu haben.»


An diese Worte habe ich mich erinnert, als im letzten Monat mit Jürgen Habermas und Alexander Kluge zwei der bedeutendsten deutschen Intellektuellen der Nachkriegszeit verstorben sind.


«Was bleibt?» von diesen Persönlichkeiten für «Normalbürger» war meine Frage. Ich stelle mir diese Frage oft, wenn Menschen von uns gehen. Ob es sich dabei um Familienangehörige, Freunde, Bekannte oder Berühmtheiten handelt, ist dabei nebensächlich. Was bleibt von ihnen für uns, die wir noch ein Stück weiter auf dieser Welt leben?


In den meisten Nachrufen für Personen des öffentlichen Lebens stehen die von ihnen geschaffenen Werke als bleibende Krönung ihres Schaffens im Vordergrund. Bei Habermas ist es die «Theorie des kommunikativen Handelns», bei Kluge das Buch «Chronik der Gefühle» (um bei seinen literarischen Texten zu bleiben).


Angesichts der Fülle und Vielfalt der Arbeiten von Personen wie den beiden jüngst Verstorbenen ist es allerdings selbst für Akademiker anspruchsvoll, sich einen Überblick über deren Œuvre zu verschaffen oder auch nur die wesentlichen Grundsätze zu verstehen. Wer sich nicht gerade für Philosophie interessiert oder sich intellektuell mit Ästhetik und Wahrnehmung beschäftigt, für den sind Habermas beziehungsweise Kluge schwer verdaulich.


Und so stellt sich für die meisten Laien die Frage «Was bleibt?» in diesem Fall überhaupt nicht. Das finde ich schade, denn es gäbe so vieles abseits der grossen Theorien und Denkgebäuden dieser prägenden Figuren zu entdecken.


Ich persönlich suche in solchen Situationen jeweils nach einem menschlichen Charakteristikum, einem menschlichen Zug, der für mich bleibend hinter dem Lebenswerk eines Verstorbenen zurückbleibt. Also etwas, das den Menschen zum Menschen macht. Es geht um den Menschen als Menschen, nicht um den Hochschulprofessor, den Arbeiter, den CEO oder den Handwerker. Es zählt nur das Menschsein. 


Bei Jürgen Habermas mit seinem schneeweissen Haar, dem dünnen Lippenbärtchen und den neugierigen blauen Augen war es die angeborene Hasenscharte, die mich auf seltsame Weise berührte. Trotz – oder gerade wegen – seiner nasalen Sprachbehinderung und seiner frühen Erfahrungen mit Einschränkungen und Hänseleien bezeichnete der Philosoph die «befreiende Kraft des Wortes» als sein letztes Motiv, das sein Lebenswerk durchzog.


Ist dieser Ausspruch nicht für alle Menschen unglaublich Mut machend und tröstlich zugleich? «Am Anfang war das Wort», heisst es schon in der Bibel. Welche Möglichkeiten ergeben sich aus dieser einen Aussage, auch im Coaching?   

 

Und was nehme ich von Alexander Kluge mit, der sich mit leidenschaftlicher Sensibilität dem Schicksal der Menschen in Wort und Bild gewidmet hat? «Er war immer er», heisst es in einem Nachruf. «Er war ein Wunder.» Was gibt es Schöneres, als diese Eigenschaft an einem Menschen anzuerkennen und auszusprechen? Das ist auch eine Aufforderung an jeden Therapeuten oder Coach, sich mit dem jeweils Eigenen und gleichzeitig Geheimnisvollen seines Gegenübers auseinanderzusetzen.


Und noch ein Gedanke im Zusammenhang mit Kluge, den ich auch gerne an meine Klientinnen und Klienten weitergebe: «Ich bin nicht der Zuschauer meines Lebens, ich bin der Produzent meines Lebens. Ich bin verantwortlich für meinen Lebenstext.» Diese Sätze sagte Kluge in einer Rede anlässlich des Todes seines Freundes und Politikers Peter Glotz.


Das «Wort» und das «Wunder» nehme ich gerne mit auf meinem weiteren Lebens- und Entwicklungsweg. Ob wir uns dem Lebenswerk eines Menschen widmen, eine Ausstellung besuchen, einen Film anschauen oder einfach nur etwas lesen: Wir werden ständig von Impulsen bewegt. Es liegt an uns, welche davon – es können auch nur einzelne Wörter sein – wir aus diesen Aussenwelten für uns auswählen und welchen wir ganz persönlich einen bleibenden Wert schenken.


Ich habe mir in den letzten Jahren angewöhnt, mich wenn immer möglich nur noch mit Erbaulichem zu beschäftigen. Damit meine ich «Dinge» – darunter zählen auch Gegenstände des Denkens –, die sich für mein Dasein positiv anfühlen. Dafür ist eine Anstrengung des Gehirns nötig, denn aufgrund der Evolutionsgeschichte konzentriert es sich primär auf das Negative. Vielleicht ist die Hingabe an unser Herz die bessere Lösung. Der Mensch soll vom Menschlichen berührt werden. Das macht für mich das Wunder Mensch aus.

 
 
 

1 Kommentar


Gast
17. Apr.

wunderschön

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