Der unsichtbare Sturm – Leben mit chronischen Schmerzen
- Matthias Messmer

- vor 3 Tagen
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«Du erinnerst mich an einen Menschen, der aus dem geschlossenen Fenster schaut und sich die sonderbaren Bewegungen eines Passanten nicht erklären kann; er weiss nicht, welcher Sturm draussen wütet und dass dieser Mensch sich vielleicht nur mit Mühe auf den Beinen hält.»
(Ludwig Wittgenstein)
Jeder anständige Mensch leidet mit, wenn er Menschen sieht, die von Krieg und Gewalt betroffen sind. Dieses vermeidbare, menschengemachte Leid spricht unmittelbar unser kollektives Gerechtigkeitsempfinden an. Schwieriger wird es bei unvermeidbarem Leid, wenn Menschen von Unfällen oder schweren Krankheiten betroffen werden. In solchen Fällen sprechen wir von existenzieller Isolation: Der Kranke muss seinen körperlichen oder psychischen Schmerz letztlich allein durchstehen. Nicht, weil seine Mitmenschen ihn nicht sehen wollen, sondern weil sie seinen Schmerz von aussen kaum oder vielleicht gar nicht wahrnehmen können.
Mark J. Moser, ein befreundeter Coach und Dozent für Kommunikation, hat zu diesem Thema das Buch «Erfülltes Leben mit Krankheit» geschrieben. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, kannte ich ihn lediglich als renommierten interkulturellen Berater. Seine offene und gewinnende Art machte ihn mir sofort sympathisch. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass er von erheblichen körperlichen Beschwerden betroffen ist. Erst später wurde mir bewusst, wie viel Schmerz und Leid er tagtäglich mit sich trägt.
Mark lebt seit seiner Kindheit mit mehreren chronischen Erkrankungen, die nicht nur sein Handeln, sondern auch sein Menschsein prägen. Er weiss, was es bedeutet, nach aussen «normal» zu erscheinen und dennoch eine Last zu tragen, die andere kaum nachvollziehen können. Mit anderen Worten: mit einer unsichtbaren Barriere zu leben.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bewundere Mark sehr. Einerseits wegen der Offenheit, mit der er über die Unumstösslichkeit seines Leidens schreibt, andererseits für die Art und Weise, wie er mit seiner Krankheit umgeht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat chronische Schmerzen – also Schmerzen, die länger als drei Monate andauern – inzwischen als eigenständige Krankheit klassifiziert. Trotz immenser Herausforderungen hat sich Mark bis heute nicht unterkriegen lassen, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte und noch immer hat: Er könnte mit seinem Schicksal hadern, traurig sein oder sich sogar aufgeben.
Doch Mark gibt nicht auf. Trotz allem. Er verweist unter anderem auf Viktor Frankl, den österreichischen Neurologen und Psychiater, der einst sagte: «Der Mensch wird nicht durch Leiden zerstört, sondern durch sinnloses Leiden.» Die Art und Weise, wie Mark seiner Krankheit begegnet – mit Sanftheit, Würde und Mitgefühl –, beeindruckt mich tief.
Als Leser spürt man sofort, dass er dieses Buch für viele Betroffene geschrieben hat, um ihnen Trost zu spenden und ihnen Orientierung zu bieten. Immerhin leidet in Europa etwa jeder fünfte Erwachsene an chronischen Schmerzen. Zugleich richtet sich das Buch an jene Menschen, die das Privileg haben, von solchen Leiden verschont zu bleiben. Auch sie können daraus viel Wertvolles mitnehmen. Marks Gedanken laden dazu ein, über die Bedeutung von Mitgefühl und authentischer Kommunikation sowie darüber, was beides für Menschen heisst, die tagtäglich mit Schmerzen leben müssen, nachzudenken.
Unter den vielfältigen Wegen, praktischen Hilfestellungen und Möglichkeiten emotionaler Unterstützung, die Mark in seinem Buch für einen besseren Umgang mit Schmerzen beschreibt, haben mich insbesondere seine Überlegungen in den Kapiteln «Heilende Sprache», «Herzen, die uns halten» und «Jenseits der Angst» beschäftigt. Sie regen dazu an, über die Bedeutung des achtsamen Zuhörens nachzudenken – sowohl im Gespräch mit anderen als auch im Dialog mit sich selbst.
Besonders eindrücklich erscheint mir seine Beschreibung der Hilfe, die Menschen leisten können, die nicht unmittelbar betroffen sind: «Die bedeutungsvollste Unterstützung kommt von denen, die neben einem herlaufen können, ohne zu versuchen, die Reise zu reparieren, zu minimieren oder zu kontrollieren. Sie erkennen die Realität des Schmerzes an, ohne ihn zum Mittelpunkt unserer Beziehung zu machen. Sie schaffen Raum für das Nebeneinander von Kampf und Freude.»
Im Kapitel «Jenseits der Angst» weitet Mark den Blick noch einmal. Er schreibt über die Sterblichkeit und damit über die Frage, was unserem Leben letztlich Bedeutung verleiht. «Das Bewusstsein der Sterblichkeit führt nicht zu Verzweiflung, sondern zu Klarheit», stellt er fest. Dankenswerterweise greift er dabei auch auf Gedanken des britischen Buddhisten und Autors Stephen Batchelor zurück, der einst schrieb:
«Es liegt in meiner Natur, alt zu werden.
Es liegt in meiner Natur, krank zu werden.
Es liegt in meiner Natur, Menschen zu verlieren, die ich liebe.
Es liegt in meiner Natur, zu sterben.
Wie soll ich also leben?»
Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, setzen sich vermutlich häufiger mit der eigenen Endlichkeit auseinander als Menschen, die von solchen Leiden verschont geblieben sind. Doch die letzten Fragen des Lebens verbinden uns alle. Der amerikanische Psychologe und spirituelle Lehrer Ram Dass hat dies in einem ebenso einfachen wie tröstlichen Satz ausgedrückt: «Letztendlich begleiten wir uns alle nur gegenseitig nach Hause.»
Seit Jahrzehnten unterstützt Mark weltweit Organisationen, Verwaltungen und Institutionen bei der Analyse und Lösung von Konflikten. Er träumte einst davon, Friedensstifter zu sein – und genau das ist er geworden. Dafür sind ihm viele Menschen dankbar. Freimütig und ehrlich – vielleicht auch geprägt durch seine lebenslange Erfahrung mit Krankheit – schreibt er gegen Ende des Buches: «Das schwierigste Friedensabkommen, das ich je aushandeln musste, war das mit mir selbst.» Und etwas später: «Ich fühle mich sicher. … Das Gefühl, auf der anderen Seite erwartet zu werden, bleibt bestehen.»
Kaum eine Passage bringt die Haltung dieses Buches treffender auf den Punkt. Es ist die Geschichte eines Menschen, der gelernt hat, dem Schmerz nicht mit Verbitterung, sondern mit Versöhnung zu begegnen – und der seine Leserinnen und Leser einlädt, ihn auf diesem Weg ein Stück weit zu begleiten.
Das Buch «Erfülltes Leben mit Krankheit» (mosaicstones, 2026) kann in Buchhandlungen oder direkt auf der Website von Mark Moser in deutscher oder englischer Sprache bestellt werden: https://www.markmoser.ch/



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