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Die Kunst der horizontalen Demut

Demut ist im heutigen Alltag eher selten zu beobachten. Für viele Menschen hat der Begriff vor allem eine religiöse Konnotation: Demut ist demnach Haltung eines Menschen, der sich in Anerkennung seiner eigenen Unvollkommenheit einem allmächtigen Gott gegenüber bescheiden zeigt.

Immerhin hat der Begriff «humble leadership» – die demütige Führung – dank des schweizerisch-amerikanischen Organisationspsychologen Edgar H. Schein auch in Wirtschaftskreisen gewisse Aufmerksamkeit erlangt. Oder zumindest hat man davon gehört.


Angesichts der tödlichen Sturzflutkatastrophe im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet wird einmal mehr die fundamentale Machtlosigkeit der Menschen gegenüber den Urkräften der Erde sichtbar. Auch in solchen Momenten ist wieder von Demut die Rede – von Demut gegenüber dem Schicksal oder, allgemeiner, gegenüber der Natur.


Den Begriff der Demut – im Althochdeutschen bezeichnete das Wort «die Gesinnung eines Dienenden» – kann und soll man jedoch auch anders verstehen. Im Gegensatz zur klassischen, vertikalen Demut gegenüber einer höheren Instanz lässt sich nämlich auch von einer «horizontalen Demut» sprechen: einer Haltung der Hingabe, etwa gegenüber dem Mitmenschen oder dem Menschsein im Allgemeinen. Demut als das «leisere Ego», wie sie bisweilen bezeichnet wird, verbindet sich dann auf natürliche Weise mit Empathie, Respekt und Mitmenschlichkeit – Tugenden, die in unseren Breitengraden leider schon lange nicht mehr oberste Priorität geniessen.


Die erwähnte Katastrophe hat mich besonders beschäftigt, weil ich diese Weltgegend von früheren Reisen her kenne. Ich habe auch das schreckliche Video, in dem die letzten Momente panisch fliehender Menschen festgehalten sind, gesehen. Besonders erschüttert hat mich eine Szene, die von einer chinesischen Überwachungskamera aufgezeichnet wurde. Zu sehen ist, wie eine gigantische Wand aus Schlamm, Geröll und Wasser über den Ort hereinbricht. Während die grosse Mehrheit der Menschen nach rechts, aus der Bildrichtung hinaus, flieht, läuft mindestens ein Mensch in Richtung der Gebäude – genau dorthin also, wo wenig später die ganze Wucht und Masse der Flut hereinbrechen wird.


Was muss in diesem Menschen vorgegangen sein? Wollte der Mann, wenn es einer war, zurück, um jemanden zu warnen? Vielleicht seine Frau? Oder hatte er sein Kind für einen Moment im Haus zurückgelassen und war nur kurz hinausgegangen, um etwas zu holen? Wir werden es nie erfahren.


Vielleicht liegt gerade in diesem Nichtwissen ein Moment der Demut. Demut unserem eigenen Leben gegenüber. Das eigene Dasein als Geschenk anzunehmen und zugleich zu erkennen, dass wir Teil einer grösseren Ordnung sind, die sich unserem Willen und unserer Kontrolle immer wieder entzieht.


Zu dieser Demut gehört auch die Haltung gegenüber unseren Mitmenschen. Sie beginnt dort, wo wir den anderen nicht bloss in seiner Funktion wahrnehmen, sondern als Menschen: als Mitarbeitende in einer Unternehmung, als Klientinnen und Klienten im Coaching oder ganz einfach als Menschen, die in einem bestimmten Augenblick unsere Aufmerksamkeit, unser Verständnis oder unsere Empathie benötigen.


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Im Folgenden finden Sie einen in Auszügen übersetzten Artikel aus der Nepali Times. Ich empfehle Ihnen die Lektüre als eine kleine «Einübung in die Kunst der horizontalen Demut». Der Autor und Fotograf Suman Nepali führt uns auf eindrückliche Weise vor Augen, wie eine solche Haltung aussehen kann. Dafür gebührt ihm mein grösster Dank. Und den Opfern dieser Tragödie unser tiefes Mitgefühl und unser Gedenken.


Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden in diesem Text auf mehrere Momente stossen, die Demut aufkommen lassen. Möglicherweise gelingt es Ihnen, etwas von diesen Gefühlen in Ihren eigenen beruflichen und familiären Alltag mitzunehmen – selbst wenn dieser fernab von Katastrophen dieses Ausmasses stattfindet.  


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Sie hatten sich im Wald oberhalb des Flusses versteckt. Verletzt und völlig schockiert. Die fünfjährige Kirti Tamang musste mit ansehen, wie ihre Mutter und ihre Schwester von der reissenden Flut mitgerissen wurden. Sie selbst wurde den Hang hinabgeschleudert, überlebte und wurde später zusammen mit zwei anderen Kindern im Wald gefunden.


Kirti konnte nicht sprechen. Ein anderer Junge aus ihrer Schule, Biswas Tamang, war noch schwerer verletzt. Sein Schülerausweis hing um seinen Hals. Seine Lehrer, die ihn gefunden hatten, nutzten die Informationen auf dem Ausweis, um seine Mutter zu erreichen. Sie lebt in einem Nachbarbezirk und hatte ihren Sohn auf eine englischsprachige staatliche Schule in Betrawati geschickt.


Ich sass da und betrachtete diese Szenen. Die Emotionen überwältigten mich wie die Flut selbst. Ich nahm meine Kamera nicht aus der Tasche, denn das schien mir respektlos. Ich konnte nur Zeuge sein und den Schmerz und die Trauer teilen.

Dann sahen wir die Leichen. Ich sass im Schatten eines Baumes und war nicht in der Lage, meine Kamera zu heben. Vor den Mauern eines ehemaligen Wohnhauses lag eine junge Frau, vielleicht 35 Jahre alt, die mit Schlamm bedeckt war.


Ihr Körper war hastig zugedeckt worden. Sie hatte lackierte Zehennägel.


Menschen drängten sich umher, um zu sehen, ob sie die Frau kannten. Sie bedeckten Mund und Nase mit Tüchern, schüttelten die Köpfe und gingen weiter.


Schliesslich kam ein Mann. Er war ihr Ehemann. Er brach lautlos im Dreck zusammen und wurde von seinen Begleitern wieder aufgerichtet.


Dieser Verlust ist gewaltig. Es ist gewiss eine nationale Katastrophe. Aber es sind auch die Tragödien Tausender Familien. Um zu überleben, musste man wirklich Glück haben oder fit genug sein, um die reissenden braunen Fluten zu überwinden.


Selbst diejenigen, die die Leichen ihrer Angehörigen und Freunde finden können, haben Glück. Die meisten können die Familienmitglieder, mit denen sie an diesem Morgen noch Tee getrunken haben, nicht mehr finden. Oder die Söhne, Töchter, Schwestern oder Eltern, an die sie sich klammerten, bis die Schlammlawine sie mitriss.


Selbst für die effizientesten und am besten ausgestatteten Hilfsorganisationen ist diese Katastrophe zu gross. Und selbst wenn bald Lebensmittel eintreffen und Notunterkünfte errichtet werden: Wie sollen so viele Menschen das Erlebte jemals verarbeiten? Den Verlust von Familienmitgliedern, Häusern, Feldern, Vieh und Hab und Gut?


Ich habe bereits über das Erdbeben von 2015 berichtet, doch diese Tragödie ist von ganz anderer Dimension. Ich sagte meinem Redakteur, dass ich das nicht als rein journalistischen Auftrag bewältigen könne. Es müsse tiefer gehen, eine Situation, die mich und meine Sicht auf das Leben selbst verändert habe. Die Vergänglichkeit, das Gefühl, dass das Universum in einem Augenblick verschwinden kann.


Die Redaktion bat mich, Fotos zu machen und Menschen zu interviewen. Ich sollte ihre Namen, ihr Alter und ihre Gefühle erfragen.


Ich brachte es nicht übers Herz, diese Fragen zu stellen. Schliesslich fasste ich mir aber ein Herz und machte ein paar Aufnahmen mit einem Teleobjektiv.


«Wir wurden nicht gewarnt. Niemand flussaufwärts hat uns vor der Flut gewarnt», sagte eine Überlebende scheinbar zu niemandem im Besonderen. «Eben noch war es dort oben, und im nächsten Moment war es hier. Es ging so schnell.»


Mir fiel auf, dass in allen Dörfern, an denen wir vorbeikamen, hauptsächlich Frauen, Kinder und ältere Menschen lebten. Es gab nur sehr wenige Männer, was ein Beweis für die massive Abwanderung junger Männer in die Städte und ins Ausland ist. Einige von ihnen kehren nun zurück und finden ihre Häuser und Familien nicht mehr vor.


Ich vermute, dass die meisten der hier Umgekommenen Frauen sind. Und Kinder, die sich am Mittwochmorgen für die Schule fertig machten.


Übersetzt aus: https://nepalitimes.com/2026-central-nepal-floodDer Beitrag ist ursprünglich unter dem Titel «Reporter’s Diary 27 August: Nepali Times photographer finds his camera is inadequate to capture the true scale of the tragedy» erschienen.

 

 
 
 

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