top of page

Philosophieren mit Klient:innen – Wolfgang Klafki als Vorbereitung

«Hombre apercebido, medio combatido» heisst es im Roman Don Quixote des spanischen Nationaldichters Miguel de Cervantes. Auf gut Deutsch etwa «Eine gute Vorbereitung ist der halbe Sieg».  

Dieses Bonmot gilt nicht nur für Prüfungen oder Sportwettkämpfe, sondern auch, wenn man ein leckeres Menu für Gäste zubereiten oder sich auf ein Date einlassen möchte. --- Doch auch für ein geglücktes Coaching- oder Beratergespräch empfiehlt sich eine ausgereifte Vorbereitung.


Vor kurzem stiess ich bei der Lektüre eines Aufsatzes auf Wolfgang Klafki. Der Name war mir bis anhin nicht bekannt, schliesslich bin ich kein Erziehungswissenschaftler. Klafki (1927-2016) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Pädagogen des vergangenen Jahrhunderts.


Ich möchte an dieser Stelle nicht im Detail auf Klafkis Leistungen im Bildungsbereich eingehen, sondern lediglich seine fünf didaktischen Grundfragen (in seinem Falle an Lehrer:innen gerichtet) bei der Vorbereitung des Unterrichts in Erinnerung rufen.


«BEDEUTUNG» ALS SCHLÜSSELBEGRIFF


Klafkis Fragestellungen, vor allem die Schwerpunktsetzung auf den Begriff der «Bedeutung», können meiner Meinung nach entsprechend auch auf die Vorbereitung einer Coaching-Sitzung übertragen werden:


·       Gegenwartsbedeutung: Was bedeutet der Inhalt dessen, was ich als Coach zu sagen habe, meinen Klientinnen und Klienten? M.a.W. kann mein Gegenüber mit dem, was ich ihm sage, überhaupt etwas anfangen? Hat er oder sie bereits Fähigkeiten entwickelt, mit dem Thema umzugehen?


·       Zukunftsbedeutung: Leistet mein Beitrag als Coach etwas zur Erreichung generell ethischer Ziele wie z.B. Selbstverantwortung oder Selbstwirksamkeit? Wie kann ich mein Gegenüber dabei unterstützen, den Inhalt des Gesprächs als positiv für seine künftige Lebensführung zu betrachten?


·       Exemplarische Bedeutung: Als Coach muss ich mir immer in Klaren sein, dass mein Gegenüber mit dem, was in einem Coaching-Gespräch diskutiert wird, überhaupt etwas anfangen kann. M.a.W. soll der/die Klient:in erkennen, dass die angedeuteten oder besprochenen Themen bzw. Probleme essentiell für seine oder ihre übergeordnete Lebensfrage sind.


·       Struktur des Inhalts: Sind meine Sitzungen als Coach genügend gut strukturiert, damit auch der/die Klient:in erkennt, warum ein Thema von mir so und nicht anders angegangen wird? Kann er oder sie nachvollziehen, was hinter meinen Fragen steckt?


·       Zugänglichkeit: Wie bringe ich gewisse Themen oder Ratschläge in einer Sitzung so an mein Gegenüber, dass sich die Person «abgeholt» fühlt? Dass der oder die Klient:in die Gewissheit bekommt, ich als Coach könne sie oder ihn bei der Lösung eines «Problems» unterstützen? 


VORBEREITUNG ERSETZT NICHT SPONTANEITÄT


Auf den ersten Blick mögen diese Leitlinien theoretisch klingen. Ich glaube aber, dass sie mithelfen können, mir als Coach bereits vorgängig immer wieder Klarheit darüber zu verschaffen, was in einem Gespräch mit meinen Klient:innen bedeutsam sein soll und was nicht. Selbstverständlich soll die gründliche Vorbereitung einer Sitzung nicht der Spontaneität während des Gesprächs im Wege stehen.   


Die/der Klient:in hat ein Recht darauf, dass ein Coach sich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, Ordnung in Komplexitäten und Durcheinander zu bringen; die Balance in Welten wiederherstellen, wo Sorgen, Ängste, Zweifel oder was auch immer Übergewicht zu nehmen scheinen. Kurz – um die Unterstützung des Gegenübers, sich im Leben, das gerade mal nicht so optimal läuft wie gewünscht, wieder zurechtzufinden. Dazu gehört meiner Meinung nach die sorgfältige Vorbereitung jeder Coaching-Sitzung.


Überhaupt hat die Pädagogik uns Coaches und Berater:innen einiges zu bieten. Manchmal reichen nur schon Zitate von Pädagogen, um zum Meditieren anzuregen.


Ein Beispiel zum Schluss. Es stammt von Otto Speck (1926-2023), einem Sonderpädagogen und scharfen Denker, der sich – wie Klafki – in seinem Leben und Werk um «Bildung für alle» bemüht hat. Wie sagte Speck einmal treffend?


«Menschlichkeit wird immer nur vom einzelnen Menschen hervorgebracht.» 


Ist das nicht ein schöner Aphorismus als Grundlage zum Philosophieren mit einer Klientin oder einem Klienten?


0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page